SHIFT6mq: Die faire Alternative auf dem Smartphone-Markt?

Schon seit einiger Zeit kannst du das SHIFT6mq des deutschen Herstellers SHIFT vorbestellen. In wenigen Wochen startet die Auslieferung der Geräte. Wir konnten das Shiftphone schon vorab unter die Lupe nehmen. Wir haben uns angeschaut, ob das deutsche Unternehmen mit seinem neuen Modell hält, was es verspricht: einfache Reparierbarkeit, fair produziert.

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Vorab: Was ist das Besondere an SHIFT?

SHIFT ist ein familiengeführtes Unternehmen und eines der wenigen in Deutschland, welches Smartphones produziert. Dabei ist den Gründern vor allem wichtig, ein 100% soziales Unternehmen zu führen. Was das bedeutet? Überschüsse werden genutzt, um Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit zu fördern, anstatt sie einzubehalten. Im gesamten Fertigungsprozess wird auf faire Arbeitsbedinugnen und Löhne gesetzt. Umwelt und Ressourcen werden wertschätzend behandelt, beispielsweise wird für die Produktion weitestgehend auf Konfliktmineralien wie Tantal verzichtet. Außerdem sollen die Geräte leicht reparierbar und dadurch länger nutzbar sein. An diesen Prinzipien können sich “die Großen” eine Scheibe abschneiden.    

Damit die Geräte so lange wie möglich genutzt werden können, sind die Reparaturen einfach und günstig. Der Speicher ist erweiterbar, einige Module wie die Kamera könnten, wenn es passende Ersatzteile gibt, geupgradet werden. Außerdem verfällt die Gewährleistung nicht, wenn das Gerät selbst aufgeschraubt oder gerootet wurde. Und damit ein Shiftphone auch nach Gebrauch nicht einfach im Müll oder der heimischen Schublade landet, übernimmt das Unternehmen das Zerlegen und umweltgerechte Entsorgen. Damit defekte Smartphones auch bei ihnen landen, gibt es einen Gerätepfand auf jedes Smartphone – diesen bekommen die Käufer wieder, unabhängig vom Zustand des eingesendeten Shiftphones. 

Der Lieferumfang des SHIFT6mq

Auch im Lieferumfang des SHIFT6mq spiegelt sich der Gedanke der Nachhaltigkeit wider: Auf ein Netzteil und Kopfhörer wird bewusst verzichtet. Denn wir kennen es doch alle: Zuhause liegt wahrscheinlich nicht nur ein Netzteil und Kopfhörer in der Schublade, sondern gleich mehrere. Um das Shiftphone von Anfang an zu schützen, werden Bumper und Panzerglas direkt mitgeliefert. Im Paket findest du außerdem einen kleinen Schraubendreher für Reparaturen. Allerdings müssen wir dazu sagen: Der mitgelieferte Schraubendreher konnte uns nicht überzeugen. Schon nach dem ersten Öffnen des SHIFT6mq waren einige der Schrauben rundgedreht, weshalb wir auf eigene Alternativen ausgewichen sind.

Was bietet das neue SHIFT6mq auf technischer Seite?

Im neuen Shiftphone steckt der Snapdragon 845-Chipsatz von Qualcomm. Im Vergleich zum Vorgängermodell, dem 6m, ist das ein riesiger Schritt in Sachen Leistung und Langlebigkeit. Denn Qualcomm ist auf dem Markt wesentlich verbreiteter als der vorherige Mediatek-Chip. Dadurch ist der Snapdragon auch für zukünftige Neuerungen und Android-Updates besser aufgestellt. Aus technischer Sicht finden wir es schade, dass SHIFT einen bereits zwei Jahre alten Chip verbauen musste – aktueller Standard im Jahr 2020 ist der Snapdragon 865. Allerdings gibt es dafür gute Gründe: Zum einen sind die vorgegebenen Mindestabnahmemengen von Qualcomm für kleinere Produktionen zu hoch. Zum anderen sind die Lizenzgebühren für den Snapdragon 855 oder 865 deutlich höher ausgefallen und hätten sich auch im Endpreis des Smartphones widergespiegelt. Und das SHIFT6mq liegt mit dem Snapdragon 845 preislich bereits im High-End-Bereich.

So sieht das SHIFT6mq von Innen aus

Eine zweite, große Neuerung gegenüber dem Vorgängermodell ist die Hauptkamera auf der Rückseite: Das SHIFT6mq bietet eine Dualkamera mit 16 bzw 24 MP. Der austauschbare Akku hat im Vergleich zum Vorgänger aufgrund der Platzverfügbarkeit innerhalb des Geräts etwas weniger Kapazität. Im Alltag sollte das durch den energieeffizienteren Qualcomm-Prozessor allerdings nicht auffallen. Außerdem bietet das SHIFT6mq mit fast 4000 mAh deutlich mehr Leistung als beispielsweise das iPhone 11 Pro. Worüber sich wahrscheinlich auch viele Nutzer freuen: SHIFT setzt weiterhin auf einen Klinkenanschluss für Kopfhörer.

Ansonsten ist das SHIFT6mq auf dem neuesten Standard: Das 6 Zoll große AMOLED-Display bietet leuchtstarke Farben mit einer Full HD+ Auflösung. Der Arbeitsspeicher liegt bei 8 GB, der interne Speicher bei 128 GB. Zusätzlich kann dieser um bis zu 512 GB erweitert werden. Das Smartphone bietet Platz für zwei SIM-Karten. Geladen wird über USB-C, im SHIFT6mq findest du außerdem die aktuellste Bluetooth-Konnektivität 5.0 sowie NFC und Power Delivery. 

Ausgeliefert wird das SHIFT6mq mit Android 10. Das installierte Betriebssystem ShiftOS ist dem reinen Android sehr nahe. Gleichzeitig unterstützt das Unternehmen aber auch Custom-ROM-Communities, sodass du als Nutzer mit Programmierkenntnissen das Betriebssystem an deine Wünsche anpassen könntest.

Alle Bauteile des SHIFT6mq im Überblick

Und wie gut lässt sich das neueste Shiftphone wirklich reparieren?

Im Großen und Ganzen lässt sich das SHIFT6mq wie seine Vorgänger sehr gut reparieren. Ein unverklebtes Backcover und die gleichlangen Torx-Schrauben – diese sind sogar durchnummeriert, um den Support zu optimieren – machen die Reparatur im Vergleich zu anderen Smartphones auch für Laien einfach.

Durchnummerierte Schrauben im Mittelrahmen vereinfachen die Reparaturkommunikation

Typische “Verschleißteile” wie Kamera, USB-Anschluss, Display und Akku sind als getrennte Module verbaut und lassen sich mit wenigen Handgriffen austauschen. Aus Erfahrung mit anderen Herstellern wissen wir aber, das auch andere Kleinteile schnell kaputt gehen können. Beim weiteren Auseinanderbauen des Shiftphones sind wir auf einige Punkte gestoßen, die wir uns bei einem modularen Smartphone etwas anders vorgestellt hatten. 

Da ist zum einen der Kopfhöreranschluss. Dieser ist fest an der Platine verlötet und kann nicht ohne Weiteres ausgetauscht werden. Auch der Fingerabdrucksensor hat uns uns beim Zusammensetzen des Handys Sorgen bereitet. Dieser wird auf der Unterseite der Hauptplatine angeschlossen. Baut man die Hauptplatine aus und setzt sie anschließend wieder ins Gerät ein, hat man daher nur wenig Einfluss darauf, wie die Konnektoren zueinander finden. Entweder sie verbinden sich – oder eben nicht. 

Der Konnektor des Fingerprintsensors ist an der Unterseite der Platine

Auf Nachfrage hat uns Shift mitgeteilt, dass in die Entwicklung des SHIFT6mq Erfahrungen aus früheren Modellen eingeflossen sind. So spielen Teile wie Blitzlicht, Fingerabdrucksensor und Klinkenanschluss in der Reparaturstatistik eine eher untergeordnete Rolle und mussten in Sachen Modularität zurückstecken. Im Bezug auf den Anspruch der Modularität und der Selbstverantwortung über das eigene Handy fühlt es sich für uns nicht ganz rund an. Und auch wenn der Fingerabdrucksensor nicht so häufig kaputt geht – die Platine muss auch bei einem Defekt des Power-Buttons und der Lautstärketaste herausgenommen und wieder eingesetzt werden.  

Fazit

In Sachen Reparierbarkeit sind vor allem für Anfänger das einfache Öffnen, der modulare Aufbau und die in Art und Länge identischen Schrauben ein großes Plus. Denn unserer Erfahrung nach sind genau das die größten Probleme bei einem erfolgreichen Start in die Reparatur. 

Nüchtern betrachtet kann das SHIFT6mq beim Preis-Leistungs-Verhältnis allerdings nicht überzeugen. Der Kunde bezahlt ein High-End-Smartphone, erhält im technischen Vergleich aber eher ein Mittelklasse-Gerät. 

Allerdings darf im Fazit ein wichtiger Aspekt nicht unberücksichtigt bleiben, den die meisten Smartphone-Hersteller vernachlässigen: das Warum. Das Shiftphone wird fairer und nachhaltiger produziert als gängige Modelle auf dem Markt. Und gerade angemessene Löhne und fair gewonnene Rohstoffe schlagen sich auf den Preis nieder. Hinzu kommt, dass es kleinere Produzenten schwerer haben, preislich und technisch mit der Konkurrenz mitzuhalten. Das liegt zum einen an der Marktwirtschaft selbst, Stichwort: Mengenrabatt, aber auch an den Zwischenlieferanten. Diese fordern oft eine hohe Mindestabnahmemenge, die nicht jedes Unternehmen erreicht. 

Das Motto von SHIFT: “Wir tun so viel Gutes, wie wir können und richten dabei so wenig Schaden wie möglich an.”

Deshalb lautet unser Fazit: Je mehr Leute die Idee von Herstellern wie SHIFT und Fairphone unterstützen, desto besser sind die Aussichten, dass sich das Konzept der nachhaltigen, fair produzierten und gut reparierbaren Smartphones durchsetzt. Denn wenn sie beweisen können, dass diese Aspekte den Kunden wichtig sind, lassen sich vielleicht auch einflussreiche Unternehmen wie Samsung und Apple überzeugen, nachhaltiger zu produzieren. Das Ziel lautet also nicht, den Markt zu übernehmen. Vielmehr will SHIFT die Bedingungen darin verändern. Wir als Kunden haben es also in der Hand. 

Ein abschließender Überblick:

Das finden wir super … 

  • Das soziale Bestreben von SHIFT ist lobens- und unterstützenswert und sollte mehr Nachahmer finden.
  • Die lockeren Bestimmungen zur Gewährleistung und ein deutscher Support geben selbst bei Problemen ein gutes Gefühl.
  • Das einfache Öffnen des Geräts und der modulare Aufbau ermutigen Laien zur Reparatur.
  • Mit dem Klinkenanschluss und dem herausnehmbaren Akku erfüllt das SHIFT6mq einen von vielen Smartphone-Herstellern unbeachteten Kundenwunsch.
  • Der Speicher ist um bis zu 512 GB erweiterbar.
  • Das SHIFT6mq bietet fast reines Android.

… und das könnte man unserer Meinung nach noch optimieren

  • Der bereits zwei Jahre alte Chip bietet nicht die Update-Sicherheit, die ein aktueller Chip bieten würde. Das kann die Nutzungsdauer des Smartphones verkürzen, was dem Konzept des Shiftphones widerspricht.
  • Der mitgelieferte Schraubendreher führt zu schnell zu rundgedrehten Schrauben.
  • Klinkenanschluss und Fingerabdrucksensor sind nicht einfach austauschbar.
  • Das Wiedereinsetzen der Hauptplatine gestaltet sich schwierig. Beim falschen Einsetzen kann die Funktion des Fingerabdrucksensors und des Blitzlichts ausfallen.